Wenn ich Schalker in die Presse schau‘ (2)

Heute widme ich mich wieder einem Artikel in der Axel-Springer-Presse. Oskar Beck kommentiert auf welt.de die aktuelle Schalker Situation – der Ärger überwiegt bei der Lektüre. Deutlich.

Schalke 04 ist einfach nur das nackte Gefühl

Ja, auf Schalke geht es um Gefühle und Emotionen. Allerdings gehen die Emotionen momentan bei einem Gutteil der Fans gegen 0, als Resultat einer tiefen Entfremdung und Enttäuschung.

Es ist ein böser Verdacht, der sich da verdichtet: Die Schalker wollen gar nicht mehr Deutscher Meister werden. Seit Jahren wehren sie sich dagegen mit Macht. Sie wollen nur noch Meister der Schmerzen werden – dafür tun sie alles, wie dieser Tage. Das Chaos ist wieder mal königsblau.

Ein nicht geringer Teil des Chaos wird allerdings eher draußen, also in den Medien, gesehen und dann herbeigeschrieben.

Wann wird Schalke 04 wieder Deutscher Meister? Voriges Jahr, beim Jubiläum, hat sich der Premiere-Kommentator Fritz von Thurn und Taxis in seinem jubelnden Leichtsinn in die Prognose vergaloppiert: „Nochmal 50 Jahre wird es nicht dauern.“ Wetten Sie besser nicht darauf – es könnte Sie Haus und Hof kosten.

Was ist „jubelnder Leichtsinn“? Oder war „leichtsinniger Jubel“ gemeint? Egal. Es wird nicht noch einmal 50 Jahre dauern.

Den Manager Andreas Müller haben sie kürzlich hinausgeworfen, ohne zu wissen, wer dessen Aufgaben danach übernehmen soll. In der Not macht das der Trainer jetzt auch noch, obwohl der nach dem 3:4 gegen den VfL Wolfsburg vermutlich als Nächster fliegt oder vorher freiwillig flüchtet – übers Wochenende hat Fred Rutten schon ausgesehen wie einer, der eher morgen als übermorgen die Kabinentür zuknallt und sich mit einem Fluch auf den Lippen lieber ins Privatleben zurückzieht, als auf Schalke alt zu werden.

Na klar sieht er nicht glücklich aus – er ist mitverantwortlich für ein Abschneiden, das im schlechtesten Schalker Saisonergebnis seit der Saison 1999/2000 resultieren dürfte.

Dieser Klub ist in einem Zustand, in dem man den Laden normalerweise vollends dicht macht, und der Letzte schließt dann ab.

Jetzt übertreibt der Autor maßlos. Es ist ein schlechtes, ein Scheiß-Jahr. Zum ersten Mal seit fast 10 Jahren. Soll vorkommen. Das Abschneiden eines Profivereins ist nur in Grenzen planbar.

Das ist ein grässlicher Gedanke. Denn was wären wir ohne Schalke?

Arm dran. Das Leben als Fan der Fußball-Bundesliga wäre nicht mehr lebenswert. Wir könnten, mit einem bisschen guten Willen, womöglich ohne Arminia Bielefeld oder Energie Cottbus klar kommen, ja unter Umständen sogar ohne die Bayern aus München, deren Erfolg uns vor Langeweile schier umbringt – aber nicht ohne Schalke.

Tatsächlich? Lob aus der Medien-Ecke, denn hinter dem „wir“ stecken die Medien – Vorsicht ist geboten.

Schalke ist Schalke.

Schalke ist auf eine aufregende Art anders. Wo sonst gibt es noch einen Klub, der seit Jahren auf die verrücktesten Ideen kommt, um nicht Meister zu werden. Selbst wenn das gar nicht mehr zu verhindern ist, geben die Schalker niemals auf und besiegen sich notfalls im letzten Moment noch selbst wie vor zwei Jahren.

Der letzte Satz enthält viel Wahrheit.

Im Rahmen der mitreißenden Selbstzerstörung haben sie damals zu früh die Sektkorken knallen lassen, kein Schalke-Fan ist ohne selbstgebastelte Meisterschale noch vors Haus gegangen, und mittels einer mehrstöckigen „Bild“-Balkenüberschrift hat der Manager Müller seinem Ziehvater Rudi Assauer viel zu früh ausrichten lassen: „Ein Stück Schale wird ‚Assi’ gehören.“

Nichts hat dem „Assi“ am Ende gehört – und stattdessen gehört zwei Jahre später nun auch der Andy der Vergangenheit an, aufgrund eines weiteren Akts der Selbstzerstörung: Als „proletenhaft“ hat er den Ziehvater unlängst charakterisiert, und wir wollen hier gar nicht die Frage klären, ob er Recht hatte. Er hätte aber auf jeden Fall ahnen dürfen, dass sich der Vorgänger danach nicht auf die Dreharbeiten für seinen Fernseh-Bierspot mit Bruce Willis konzentrieren, sondern in „Bild“ zurückschlagen würde. Denn „Assi“ ist „Assi“.

Und Schalke ist Schalke.

Das weiß der Leser (spätestens) jetzt.

Ach, wie oft wären die Schalker schon Meister geworden, wenn sie nicht Schalke wären.

Wie oft denn? Genau ein Mal. 2007. 2001, das war ein Freak-Unfall der Sportgeschichte. Zugegeben, einer, der zu uns paßt. Irgendwie.

Um es zu vermeiden, haben sie vor zwei Jahren als Tabellenführer ihren nervtötenden Medienboykott gestartet und statt wie die gut durchblutete Konkurrenz an einem Strang zu ziehen, lieber den Trainer Mirko Slomka öffentlich an einem Strick aufgeknüpft

Wie bitte??? Dieser Medien-Boykott muß im Hause Axel Springer tiefe Wunden gerissen haben, nachdem sich Herr Coenen von der Sport-Blöd vorige Woche vollständig zusammenhangslos und sinnfrei darüber aufgeregt hatte.

Jetzt nochmal für die faktenschwache Axel-Springer-Meute aus der roten und blauen Gruppe:

Der Medien-Boykott war gegen Ende der Hinrunde der Saison 2006/07. Zu dem Zeitpunkt war S04 von Platz 1 weit entfernt. Durch den Medien-Boykott rückte der ganze Verein inklusive Fans zusammen, startete eine Serie, die dann in der Rückrunde – nach Ende des Boykotts – auf Platz 1 führte. Mit der verbaselten Meisterschaft hatte der Boykott gar nichts zu tun. Aber das sind Fakten, und was interessieren Fakten im Hause Axel Springer, wenn’s gegen Schalke geht.

Die Tiraden gegen Slomka kamen auch erst später. Viel später. In der folgenden Saison. Aber Fakten werden halt auch überbewertet.

– die Andeutung des Vereinschefs Josef Schnusenberg, man träume von einem Übungsleiter von „internationalem Standing“, hat den „Kaiser“ Franz Beckenbauer damals zu seinem Schalker Sargnagelsatz gezwungen: „Es gibt Klubs, die sich selbst hinrichten.“ Womit er sagen wollte: Wo anderswo mit dem Kopf gedacht wird, denken sie in Schalke mit dem Bauch, dem Knie oder den Stollen unter der Sohle.

Schnusenberg’s Satz fiel, wie gesagt, viel später. Der Satz von Beckenbauer fiel in dem vom Autor genannten Zusammenhang? Belege dafür? Das schreibt er hier hinein, weil’s gerade paßt – faktengesättigt? Ich zweifle.

Schalke ist anders.

Gott sei Dank.

Bei jedem anderen Klub kann man als Ex-Nationalspieler einfach zum Zeitvertreib in die Hauptversammlung gehen – in Schalke dagegen ist es Helmut Kremers einmal passiert, dass ihn der feixende Saal aufgrund eines neckischen Seitenhiebs auf die Dortmunder („Gegen die mussten wir uns früher nicht einmal umziehen“) auf der Stelle zum Präsidenten wählte.

Jetzt wird’s richtig dunkel. Kremers wollte Präsident werden. Und schaffte das auch. Unter anderem mit der launigen Bemerkung auf Kosten des Erzrivalen. Und damit das nicht mehr passiert, wurde 1994 die Satzung geändert. Ist seitdem auch nicht mehr vorgekommen. Hat der Autor nicht mitbekommen? Naja, sind halt nur überbewertete Fakten.

Schalke, das war und ist das nackte Gefühl. Carmen Thomas war im ZDF-„Sportstudio“ nach ihrer Todsünde „Schalke 05“ so erledigt wie der Ex-Präsident Hans-Joachim Fenne, als mitten hinein in dessen Wahlrede ein Fan durch den Saal brüllte: „Fenne, hör mit dem Quatsch auf und leg dich unter den Stuhl!“

Belege hierfür? Mittlerweile glaube ich dem Autor nicht mal mehr seinen Namen.

Und wie pflegte der Kabarettist Hanns-Dieter Hüsch die Schalker Bosse zu nennen: „Hampelmänner, Strohmänner, Lebemänner, Möllemänner.“

Belege hierfür? Mittlerweile glaube ich nicht mal mehr, daß es bei der Welt einen Autor namens Oskar Beck gibt.

Zu dem Zeitpunkt war Jürgen Möllemann, der Aufsichtsratschef, mit dem Fallschirm noch nicht in den Tod gesprungen.

Natürlich nicht. Mölleman beging 2003 Selbstmord. Zu dem Zeitpunkt trat Hüsch nicht mehr auf, nachdem er 2001 einen Schlaganfall erlitten hatte.

Auf Kosten von Selbstmördern ist halt leicht Witzchen machen, nicht wahr, Herr Beck?

Schalke ist Schalke. Jedenfalls anders.

Vorhin war es noch das nackte Gefühl. Jetzt ist Schalke „jedenfalls anders“. Als was?

Die königsblaue Befähigung, den Erfolg weiträumig zu umfahren, war allerdings noch nie so ausgeprägt wie in dieser Saison. Ehe Kevin Kuranyi auf die Idee kam, womöglich Spaß am Torschießen zu verspüren, hatte ihn das Pfeifkonzert des Volkszorns schon entmannt

Guter Punkt.

– und der Trainer und der Manager wurden seit spätestens nach dem ungefähr dritten Spieltag

Die nächste totale Übertreibung.

erschlagen von der immergleichen Frage: Sehen wir Sie nächsten Samstag noch – oder treten Sie schon heute oder erst morgen zurück? Warum, fragen sich die Schalker, sollen wir uns das Leben leicht machen, wenn es auch anders geht?

Immer sind sie spannend, immer ist was los, jedenfalls könnten die Jungs von der schnellen Presse stempeln gehen ohne Schalke.

Nicht nur die, also Ihre werten Kollegen aus der „roten Gruppe“, Herr Beck. Auch Journalisten wie Sie. Ein Lob aus der Medien-Ecke ist und bleibt, wie oben gesagt, immens verdächtig.

Überhaupt ist dieser Klub, dieser Eindruck verdichtet sich dramatisch, eine perfekte Erfindung des Boulevards, der die Strippen zieht und die handelnden Personen tanzen lässt wie die Marionetten einer Puppenkiste – als Manager war übers Wochenende von Olli Kahn über Olli Bierhoff bis Calli Calmund im Moment alles im Gespräch, was bekannt ist und auf drei zählen kann.

Die Namen rauschten durch die Medien. Und dürften einzig und allein der Phantasie der jeweiligen Autoren entsprungen sein.

Oder wurden diese ernsthaft intern diskutiert, von Aufsichtsrat und Vorstand des S04? Dafür gibt es keinen Beleg. „Überraschenderweise“ präsentiert Herr Beck auch keinen.

Aber wahrscheinlich kehrt am Ende Rudi Assauer zurück, und der holt, nach Ruttens Flucht, als Trainer Lothar Matthäus. Der würde kommen, zu Fuß. Es geht ihm wie uns. Wir lieben Schalke doch alle.

Lodda liebt also Schalke? Wäre mir neu.

Und die „blaue Gruppe“ wundert sich, daß sie den Axel Springer Verlag immer nur Geld kosten und nie Geld verdienen. Mit Journalismus à la Oskar Lafontaine Beck auch kein Wunder.

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